Friedhöfe
Jüdischer Friedhof Graz
04. Juli 2022
Nachdem der Totenruhe im Judentum hoher Stellenwert zukommt stellt die möglichst rasche Herstellung derselben nach dem erfolgten Ableben im Fokus der Bemühungen von Nachkommen bzw. jüdischer Gemeinden.
Als es zu Beginn der 1860-er Jahre sukzessiv zur Entwicklung einer jüdischen Gemeinde in Graz kam, sah sich diese mangels eines örtlichen konfessionellen Friedhofes sehr rasch mit dem Problem der Beerdigung von hier Verstorbenen konfrontiert. Die nächstgelegenen jüdischen Friedhöfe befanden sich zu dieser Zeit in den südburgenländischen Gemeinden wie etwa Güssing. Die Überführung der Toten, die bei den jüdischen Gemeinden im Zentrum der Aufgaben der lokalen Beerdigungsbruderschaften (Chewra Kadischas) steht von denen auch 1871 auch in Graz eine gegründet wurde, erwies sich zur damaligen Zeit abgesehen von der aus religiöser Sicht relevanten Komponente abgesehen auch aus monetären sowie sanitätspolizeilichen als beschwerlich.
Der Grazer jüdische Friedhof ist heute stummer Zeuge der Geschichte unserer Gemeinde und dient dieser noch immer als Begräbnisstätte.
Bereits ab dem Jahre 1863 bemühte sich die Grazer Judenschaft daher um die Errichtung eines eigenen Friedhofes, 1864 konnte von der Israelitischen Korporation für diese Zwecke auch ein geeignetes Areal in der zu dieser Zeit noch selbständigen und benachbarten Gemeinde Wetzelsdorf erworben werden.
Am 16. Juli 1865 fand die erste Beerdigung statt. Bei der Toten handelte es sich um die zwei Tage zuvor am Ruckerlberg im Alter von nur 38 Jahren an Krebs verstorbenen Kaufmannsgattin Anna Tritsch, deren Grabstein wir – wenn auch dessen Inschrift zwischenzeitig unlesbar ist – auch heute noch vorhanden wissen.
Der Grazer jüdische Friedhof liegt an der Alten-Post-Straße, der längsten Straße der Stadt, die heute noch als wichtige Verbindung zwischen Gösting und Puntigam dient. Er ist heute stummer Zeuge der Geschichte unserer Gemeinde und dient dieser noch immer als Begräbnisstätte. Das 1864 erworbene Areal erfuhr im Jahre 1901 eine Erweiterung.
Die auf dem Friedhof ursprünglich errichtete und noch heute erhaltene, bescheidene Leichenkammer erwies sich ab der Wende vom 19. zum 20.  Jahrhundert als den Ansprüchen und der Reputation der großen jüdischen Gemeinde Grazs zusehendst nicht mehr genügend. Nach den Plänen des Grazer Stadtbaumeisters Alexander Zerkowitz (1860-1927), selbst Mitglied der Gemeinde und auf dem Friedhof beerdigt, wurde im Jahre 1910 schließlich der Bau einer imposanten, als Kuppelbau ausgeführten Zeremonienhalle fertiggestellt. Gleich der Synagoge am Murufer wurde auch diese im Zuge des Novemberprogroms am 10. November 1938 gebrandschatzt und zerstört. Das Friedhofsareal selbst blieb in der Zeit des Nationalsozialismus aber im Wesentlichen unversehrt.
Im Zuge der Instandsetzungen des verwahrlosten Friedhofes nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den 1950er Jahren zur Errichtung einer provisorischen Verabschiedungshalle. Rahmen des gemeinsamen Gedenkens an das Novemberprogrom von 1938 gab der Senat der Stadt Graz in Absprache mit der Kultusgemeinde 1988 schließlich die Planung einer neuen Zeremonienhalle in Auftrag, um dieses provisorische Bauwerk zu ersetzen. Der Spatenstich für die ebenso wie die Synagoge nach Plänen von Dipl. Ing. Jörg und Dipl. Ing. Ingrid Mayr errichtete Halle erfolgte am 18. Dezember 1990, am 11. November 1991 wurde diese an die jüdische Gemeinde übergeben.
Der Grundriss der wiedererrichteten Halle ist ein langgestrecktes Rechteck. In der Mitte des Baukörpers – durch eine Kuppel hervorgehoben – liegt der Zeremonienraum. Die Anordnung der Räume (Foyer, Tahara, Rabbinerraum, Verwaltung und Nebenräume) entspricht deren Rangordnung – die Form des Baukörpers zeigt diese Ordnung – zur Mitte, zum hohen überkuppelten Zeremonienraum hin nehmen die beiden Seitenflügel an Höhe zu. Die Straßenfassade mit zwei überdachten Toren ist symmetrisch und geschlossen, eingegliedert in die Friedhofsmauer. Friedhofsseitig öffnet sich die Zeremonienhalle. Diese ist – ausgenommen der in Holz konstruierten Kuppel – in Massivbauweise (Stahlbeton und Tonziegel) errichtet.
Das Friedhofsareal nimmt heute eine Fläche von insgesamt 18.000 Quadratmetern ein. Auf ihm wurden von 1865 bis heute mehr als 1460 Gräber errichtet. Unter den hier Beerdigten finden sich primär Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Grazs, aber auch jüdische Personen, die während eines temporären Aufenthaltes in der Stadt und ihren Vororten oder auch in anderen Teilen der Steiermark verstorben sind. Anders als in dem von seiner Größe her vergleichbaren jüdischen Provinzfriedhof in Baden bei Wien finden sich auf dem jüdischen Friedhof in Graz keine Persönlichkeiten beigesetzt, denen heute eine über die Stadt Graz hinausgehende maßgebliche Bedeutung beigemessen werden könnte. Zu den bedeutendsten unter den hier Bestatteten zählen der langjährige Grazer Rabbiner Dr. Samuel Mühsam (1838-1907), der (Mit)Begründer des Kaufhauses Kastner & Öhler Hermann Öhler (1847-1918) oder Stadtbaumeister Ing. Alexander Zerkowitz (1860-1927). Mehrere Massengräber erinnern an ermordete Opfer der Todesmärsche ungarischer Zwangsarbeiter im März/April 1945.
Besuchszeiten & Führungen
Die Friedhofsanlage ist heute aus sicherheitstechnischen Gründen nicht öffentlich zugänglich, die Tore versperrt. Mehrmals pro Jahr kann der Friedhof im Zuge von Schwerpunktführungen oder aber im Rahmen des Bildungsprogrammes der Jüdischen Gemeinde Graz geführt besichtigt werden. Der Schlüssel zum Areal kann allein zum Zweck des Gräberbesuches im Büro der Jüdischen Gemeinde Graz nach Voranmeldung und vorbehaltlich der Genehmigung nach Prüfung der Person gegen Vorlage eines Lichtbildausweises und Unterzeichnung unseres Sicherheitsmerkblattes behoben werden. Personen männlichen Geschlechts sind zum Tragen einer Kopfbedeckung verpflichtet.
Für den jüdischen Friedhof Graz gelten folgende Besuchszeiten:
Montag – Donnerstag von 09:00 – 14:00 Uhr
Freitag von 09:00 – 13:00 Uhr
Führungen: nach telefonischer Vereinbarung im Sekretariat
An Sonn- und Feiertagen sowie Shabbatoth und jüdischen Feiertagen ist der Besuch des Friedhofes ausnahmslos nicht möglich.
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Mittelalterlich jüdische Grabsteine
Auf dem Grazer jüdischen Friedhof befinden sich, aus konservatorischen Gründen in der Zeremonienhalle verwahrt, auch drei Fragmente mittelalterlicher jüdischer Grabsteine, die bei Fundamentierungsarbeiten für das neue Amtsgebäude der Grazer Burg in der Hofgasse im Herbst 1950 aufgefunden wurden. Es handelt sich hierbei zunächst um einen größeren Stein aus weststeirischem Marmor und einer Größe von rund 70 cm H x 70 cm B. Dieser Grabstein einer Frau ist unvollständig, Name und Jahreszahl fehlen. Der zweite, kleinere Stein ist ebenfalls aus weststeirischem Marmor und misst rund 60 cm H x 70 cm B. Er wurde für Zippora, Tochter des Isaak, errichtet, die am 14. September 1304 verstarb. Dieser Stein ist somit deutlich älter als jener, der sich heute in der Grazer Burg findet. Beim dritten Fragment handelt es sich um eine dreieckige Giebelkrönung (rund 69 cm x 133,5 cm x 69 cm) mit Blattrankenbordüre im Flachrelief aus Quarzsandstein. Sie weist keinerlei Inschrift auf. Diese Grabstein(reste) dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof um den Jakominiplatz/Joanneumring stammen. Dieser Friedhof wurde spätestens beim Bau der Festungswerke um 1570 aufgelassen und die Steine als Bausteine (Mauersteine) beim Burgbau verwendet. Ein weiterer mittelalterlicher Stein aus diesem Friedhof, ist der so genannte und vorerwähnte „Grabstein des Nissim, Sohn des Aaron, gest. 1387, der ebenfalls aus einem Fund auf dem Areal Burg stammt, und sich heute eingemauert mittig in deren Außenmauer des Erzherzog Karl Traktes präsentiert.
Weitere jüdische Friedhöfe in der Steiermark
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Bad Aussee
Bad Aussee, im steirischen Salzkammergut gelegen, vermochte vor dem Zweiten Weltkrieg einen starken Anteil jüdischer Sommergäste zu verzeichnen. Dem entsprechend fanden sich im Ort mit einer Betstube und koscheren Versorgungsbetrieben auch temporäre rituelle Einrichtungen. Der kleine jüdische Friedhof befindet sich am örtlichen, im Eigentum der Pfarre St. Leonhard stehenden Friedhof in der Grundlseer Straße, rechts vom Eingang gelegen. Auf ihm sind heute noch zwölf Grabsteine erhalten. Das Friedhofsareal ist öffentlich zugänglich und wird von der Pfarre St. Leonhard gepflegt.
Hetzendorf/Judenburg
Der Friedhof wurde 1873 von der kleinen jüdischen Gemeinde Judenburg errichtet, die auch über ein eigenes Bethaus verfügte und bis 1938 ein funktionierendes Gemeindeleben aufweisen konnte. Der kleine Friedhof wurde 1942 von örtlichen NS-Einheiten verwüstet und dabei viele Grabsteine zerstört. Zwei überlebende und zurückgekehrte Familien, die Familien Benedek und Gottlieb, riefen nach ihrer Rückkehr 1948 wieder eine bis Anfang der 1970-er Jahre bestehende Chewra Kadischa ins Leben und bemühten sich um die Rückgabe von bei örtlichen Steinmetzbetrieben aufgefundenen Grabsteinen. Der Friedhof wurde auch nach 1945 mehrmals belegt und ist nicht öffentlich zugänglich.
Knittelfeld
Am südlichen Stadtrand befindet sich der 1908 von der dortigen Chewra Kadischa errichtete Friedhof. Er diente der sehr kleinen und mit jener in Judenburg in Verbund stehenden jüdischen Gemeinde von Knittelfeld als Begräbnisstätte. Dieser Friedhof verfügte auch über eine zwischenzeitig zu einem Wohngebäude umfunktionierte, eigene Leichenhalle. 1938 wurde die Grabanlage durch die SA und SS zerstört. In unbeschreiblichen Ausschreitungen wurden sogar Gräber geöffnet um den Toten Zahngold zu entnehmen. 1952 wurde der enteignete Friedhof restituiert, einige wenige erhaltene Grabsteine konnten wiederaufgestellt werden. Das Areal wird heute durch die Stadtgemeinde Knittelfeld gepflegt.
Leoben
Die Stadt Leoben war vor dem Zweiten Weltkrieg Sitz der zweitgrößten jüdischen Gemeinde der Steiermark. Die Kultusinstitution mit mehr als 120 Mitgliedern verfügte über ein eigenes Bethaus und konnte ein beachtliches jüdisches, deutlich zionistisch ausgerichtetes Vereinsleben aufweisen. Der von der jüdischen Gemeinde Leoben errichtete jüdische Friedhof war bzw. ist ein abgesonderter Teil des kommunalen Zentralfriedhofes und stand nicht im Eigentum der Kultusinstitution. Der jüdische Friedhof verfügte auch über eine eigene 1929 errichtete und als Kuppelbau ausgeführte Zeremonienhalle. Die Zeremonienhalle wurde im Zuge des Novemberprogroms 1938 zerstört, sämtliche Grabsteine der Anlage wurden in weiterer Folge während der NS-Zeit vernichtet bzw. verbracht. Eine Enterdigung der Toten wurde seitens der Stadt Leoben auch nach dem Heimfall Friedhofareals dankenswerter Weise nicht vorgenommen Die Anlage blieb vielmehr auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als jüdischer Friedhof bestehen. Ein 2008 von Schülern errichtetes Mahnmal zeichnet heute im Boden die Umrisse der ehemaligen Zeremonienhalle wieder. Auf dem Gräberfeld wurden symbolisch Platten verlegt, die an die Grabstellen erinnern sollen. Die Anlage ist öffentlich zugänglich.
Trauttmannsdorf
Der kleine Friedhof, meist als „jüdischer Friedhof Bad Gleichenberg“ bezeichnet, diente im Wesentlichen der Beerdigung verstorbener Kurgäste des Ortes, indem sich neben temporären koscheren Versorgungsbetrieben oder einem Bethaus auch das „israelitische Spital“ befand. Der Friedhof wurde im November 1938 gänzlich zerstört, heute existieren lediglich zwei Gedenksteine bei Massengräbern und zwei Gedenksteine für Verstorbene. Gepflegt wird der Friedhof von der Gemeinde Bad Gleichenberg.