Synagoge

Von der alten Synagoge zur neuen – 1891 bis 1998

04. Juli 2022

Die alte Grazer Synagoge wurde ebenso wie das ihr gegenüberliegende Amtsgebäude, in der sich zunächst die Elementarschule, der Turnsaal und die Verwaltungsräumlichkeiten befanden, von 1891 bis 1892 nach Plänen des Architekten Maximilian Katscher (1858 Slavkov – 1917 Wien) erbaut. Katscher, Absolvent der Technischen Hochschule in Wien, konnte anders als etwa Jakob Gartner oder Wilhelm Stiassny keinerlei Erfahrungen im Synagogenbau aufweisen. Die Gründe warum gerade er mit der Planung des Prestigebaues betraut wurde sind heute nicht ersichtlich. Die Grazer Synagoge sollte auch sein einziger diesbezüglicher Bau bleiben. Vom Oeuvre Katschers einem breiteren Publikum bekannt sind heute nur das Kaufhaus HERZMANSKY in der Wiener Stiftgasse oder das Kurhaus in Baden bei Wien, in dem nunmehr ein Casino untergebracht ist.

Die alte Synagoge, die mit Fug und Recht, als bedeutendster Bau Katschers bezeichnet werden kann, bildete mit ihrer imposanten 30 Meter hohen Außenkuppel bis 1938 das Herzstück der jüdischen Gemeinde Graz.

Unverkennbare Vorlage für den Bau – die Bezeichnung Vorbild scheint in diesem Zusammenhang geradezu untertrieben – bildete die Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts von Gottfried Semper errichtete Synagoge in Dresden. Sowohl die Strukturierung des Tempels als überkuppelter Zentralbau als auch die formale Gestaltung mittels eines byzantinisch-romanischen Formenrepertoires oder auch die ostseitig angeordneten Türme lehnten sich an das Dresdner Vorbild an, wurden aber von Katscher zumindest eigenständig weiterentwickelt.

Der mit einer Bausumme von rund 50.000 Gulden schließlich realisierte Bau, der gegenüberliegend auch das vorerwähnte Amtshaus mit Schule umfasste, die formal einheitlich gestaltet waren, bot mit seiner freien Lage am Ufer der Mur einen imposanten Anblick. Die alte Synagoge, die mit Fug und Recht, als bedeutendster Bau Katschers bezeichnet werden kann, bildete mit ihrer imposanten 30 Meter hohen Außenkuppel bis 1938 das Herzstück der jüdischen Gemeinde Graz.

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Der für rund 50.000 Gulden errichtete Bau bildete gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Schul- und Amtshaus ein eindrucksvolles, architektonisch einheitliches Ensemble an der Mur.

Die alte Synagoge folgte in der Anordnung der Bimah sowie der Sitzbänke eindeutig dem reformierten Synagogenkonzept. Der Almemor befand sich anders als in traditionellen Synagogen direkt vor dem Thoraschrein an der Ostmauer des Hauptraumes. Die Sitzbänke waren dem Muster von Kirchen folgend zum Thoraschrein ausgerichtet, über welchem zudem noch ein Chorgestühl mit einer regelmäßig auch bespielten Orgel untergebracht war, wie diese in traditionellen Synagogen verpönt sind. Der Eingang zum Tempel lang anders als heute westseitig in Richtung Lagergasse.

Im Zuge des Novemberprogroms wurde die Synagoge am 9. November 1938 unter Teilnahme zahlreicher Bürger der Stadt vom Grazer Bürgermeister Dr. Julius Kaspar perfekt inszeniert, eigenhändig in Brand gesetzt, in weiterer Folge zerstört und die verbliebenen Reste abgetragen. Noch verwertbares Baumaterial wurde u.a. für die Ummauerung eines Garagenkomplexes zur Verfügung gestellt. An die zerstörte Synagoge sollte mit Ausnahme der von den steirischen Juden an ihrem Amtshaus nach dem Zweiten Weltkrieg 1953 selbst angebrachten Gedenktafel über mehr als drei Jahrzehnte hindurch nichts erinnern.

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Die Grazer Synagoge wurde im Zuge des Novemberpogroms am 9. November 1938 zerstört.

Erst 1983 machte der Grazer Künstler Fedo Ertl (1952-2014) mit seiner Installation „Aus der Verdrängung ans Licht“ auf die nationalsozialistische Zerstörung des G“tteshauses und die Geschichte der jüdischen Gemeinde aufmerksam, indem er mit dieser einen schmalen Ziegelgürtel an der oben angesprochenen Garagenummauerung in der Alberstrasse (Ecke Mayffredygasse) freilegte. Ziegel die eben aus dem Bestand der alten Synagoge stammten und während der NS-Zeit nach der Zerstörung derselben „wiederverwertet“ worden waren.

Im Gedenkjahr 1988 erfolgte die Freilegung der noch vorhandenen (Außen)Grundmauern zur Errichtung einer Gedenkstätte, in deren Mitte ein von der Stadt Graz gewidmeter sieben Tonnen schwerer Gedenkstein in Form eines Granit-Monolithen platziert wurde.

Die neue Synagoge – Geistiges Zentrum und Sichtbarwerden

04. Juli 2022

Alle im Grazer Stadtparlament vertretenen Parteien haben am 21. Oktober 1998 einstimmig die Wiedererrichtung der Grazer Synagoge beschlossen. Im Auftrag und aufgrund einer Initiative der Stadtgemeinde Graz wurde der Synagogenbau, im Wesentlichen finanziert von Stadt Graz, Land Steiermark und Österreichischem Nationalfond während der Präsidentschaft von Präsident KommR Konsul Kurt Brühl realisiert.

Der Grundidee folgte die Planung des Grazer Architektenehepaares Dipl. Ing. Jörg und Dipl. Ing. Ingrid Mayr, welche zuvor bereits für die Planung der (oben beschriebenen) Gedenkstätte am nunmehrigen Bauplatz (1988) sowie der neuen Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof (1990-1991) verantwortlich gezeichnet hatten. Die Architekten bezogen in den auch realisierten Entwurf in weiterer Folge und in einzigartiger Weise einerseits die (1988 an der Oberfläche) freigelegten Grundmauern des alten Synagogenbaus mit ein. Andererseits wurden in dem auf diese Grundmauern aufsetzenden Sichtziegelgürtel auch rund 9.600 Ziegel der alten Synagoge, die 1938/1939 für die oben beschriebene Garagenummauerung in der Alberstrasse verwendet worden war, eingebracht. Diese Ziegel waren zuvor nach dem Abbruch der Ummauerung sichergestellt und von Schülerinnen und Schülern des Bundesrealgymnasiums Lichtenfelsgasse, der Höheren Technischen Bundeslehranstalt und der Handelsschule bzw. der Handelsakademie Grazbachgasse in mühevoller Arbeit gereinigt.

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Schülerinnen und Schüler beim Reinigen der Ziegel der alten Synagoge.

Der 1988 von der Stadt auf dem Synagogengrundstück errichtete Gedenkstein wurde von den Architekten in die Planung miteinbezogen und befindet sich heute direkt unterhalb der gläsernen Bimah im Untergeschoss.

An Materialien für die neue Synagoge wurden vor allem Ziegel, Stahlbeton und Glas verwendet. Die geometrischen Grundkörper Würfel und Kugel beschreiben den Zentral/Sakralraum der Synagoge und bestimmen auch das äußere Erscheinungsbild.

Die tragende Konstruktion der verglasten Kuppel besteht aus zwölf Stahlsäulen, die die zwölf biblischen Stämme repräsentieren sollen und sind paarweise durch Bögen verbunden und in der Kuppel in einem Davidstern vereint. Die herrliche Kuppel besteht aus einer fünfteiligen Glaskonstruktion und soll die fünf Bücher der Thora symbolisieren.

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Die neue Synagoge trägt die Geschichte der alten in ihren Mauern – mit rund 9.600 wiederverwendeten Ziegeln.

Anders als die alte Synagoge verfolgt die neue Synagoge ein konsequentes traditionelles Raumkonzept. Die Bimah (Alemor), auf dem die Thoralesungen vorgenommen werden, befindet sich dem entsprechend im Zentrum des Sakralraumes, vier Stufen über dem Raumniveau. Der in Form der zwei biblischen Bundestafeln aus Holz gefertigte Thoraschrein, in dem die von Hand auf Pergament geschriebenen Thorarollen aufbewahrt werden, steht hinter einem von Klosterschwestern zur Eröffnung gefertigten Parochet (Vorhang), in einer um zwei Stufen höher liegenden, raumhohen Nische an der Ostwand in Richtung Jerusalem gerichtet. Vor dem Thoraschrein findet sich das Ner Tamid (ewiges Licht).

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In jedem der fünf Kuppelsegmente finden sich in hebräischer Schrift die jeweiligen Anfangs- bzw. Abschlussverse der einzelnen Wochenabschnitte.

Die Bankreihen der Männerabteilung im Erdgeschoss mit Plätzen für 100 Personen sind an drei Seiten um die Bimah angeordnet. Eine Empore mit 45 Sitzplätzen umgibt den Hauptraum und bildet die Damenabteilung.

Im Untergeschoss der Synagoge befindet sich das Gemeindezentrum in dem die Kiddushim, Feste- bzw. Feierlichkeiten sowie sonstige Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde Graz abgehalten werden. 2017 erfolgte der Einbau einer neuen Gemeindeküche samt Kühleinheiten, sodass heute die Versorgung auch größerer Veranstaltungen und Gruppen nach strengsten Richtlinien der Kashruth erfolgen kann.

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Innenraum der Grazer Synagoge – Bimah und Sitzbereiche.

Die Übergabe der neuen Synagoge an die jüdische Gemeinde erfolgte am 9. November 2000 in einem feierlichen Festakt unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Dr. Thomas Klestil und vieler Vertreter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur, sowie vor allem auch vieler von der Stadt Graz eingeladener ehemaliger jüdischer Grazerinnen und Grazer aus Israel, den USA, Großbritannien und anderen Ländern.

Die Übergabe der neuen Synagoge an die jüdische Gemeinde erfolgte am 9. November 2000.

Das Beth HaMidrash (Das Lehrhaus)

04. Juli 2022

Nach der Zerstörung der alten Synagoge im Zuge des Novemberprogroms 1938 mussten sich die steirischen Juden von 1946 bis 1969 mit einem behelfsmäßig eingerichteten Betraum zufriedengeben, der im ersten Stock des Amtshauses untergebracht war.

Erst im Jahre 1969 nahm die Grazer Kultusgemeinde die Adaptierung von freigewordenen Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Amtshauses in Angriff, in denen sowohl die Administration als auch ein würdiger Betsaal untergebracht werden sollten.

Die 1969 errichtete Betstube präsentierte sich in weiterer Folge dennoch weiter recht bescheiden mit flexibler Bestuhlung und lediglich, kleiner nicht fixer Bimah. Herzstück bildete der nunmehr fix verbaute Thoraschrein mit Messing beschlagenen Schiebetüren und einer in der Mitte auf den Griffen ausgeformten Menorah. Ein den Anforderungen des traditionellen Ritus entsprechendes Raumkonzept war nicht gegeben.

Nach der Fertigstellung und „Einweihung“ der neuen Synagoge im November 2000 ging die Betstube ihrer Funktion verlustig. Ausgeräumt blieb von ihr nur mehr der verbaute und leere Thoraschrein. In den Folgejahren wurde der Raum multifunktional genützt und geriet allmählich in Vergessenheit.

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Nachdem nach dem Amtsantritt von Präsident Kultusrat MMag. Elie Rosen von diesem die schrittweise Sanierung der teilweise seit den sechziger Jahren nicht mehr überholten Präsidial- und Verwaltungsräumlichkeiten in Angriff genommen worden war, stellte sich in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Nutzung eben dieses Raumes. Nach entsprechenden Planungsarbeiten wurden die Räumlichkeiten von März bis April 2018 als Beth HaMidrash vollkommen neu adaptiert und der (allein) noch erhaltene Thoraschrein des alten Bethauses in das Konzept mit einbezogen. Die notwendige Möblierung wurde gespendet.

Das Beth HaMidrash präsentiert sich nunmehr als vollwertige, kleine Synagoge. Es gliedert sich dem traditionellen Ritus folgend in eine Herrenabteilung sowie eine von dieser durch eine Mechitzah getrennte Damenabteilung. Das Lehrhaus ist mit fixen und gleich der großen Synagoge dunkelblau gepolsterten Betbänken ausgestattet und verfügt über insgesamt 60 Sitzplätze.

In der Mitte der Herrenabteilung befindet sich eine über dem Raumniveau angesiedelte Bimah, an der Ostseite der noch aus der alten Betstube stammende und wandverbaute Thoraschrein mit seinen messingbeschlagenen Türelementen, über dem ein Ner Tamid (ewiges Licht) leuchtet.

Das Beth HaMidrasch dient religiösen Vorträgen sowie der Abhaltung von Gebeten, wenn die große Synagoge aus raumklimatechnischen Gründen nicht benützt werden kann.

 

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